Wenn der Ökologe mit dem Ökonomen

Oberbürgermeister Boris Palmer zu Gast bei den Wirtschaftsjunioren

Oberbürgermeister Boris Palmer zu Gast bei den Wirtschaftsjunioren

 

Ein Grüner bei der Wirtschaft – das mag dem einen oder anderen Ökonom die Stirn in runzlige Falten legen. Zottelige Haare, Birkenstocks und Batikklamotten, keinen Blick für Kosten oder Nutzen, so das Vorurteil und das, nein das scheint mit Wirtschaft wenig zu tun zu haben. Doch seit die Parteien landauf und landab über neue Bündnisse nachdenken und in Hamburg erstmals eine schwarz-grüne Koalition ihre Arbeit aufnehmen wird, glätten sich die Falten, die Vorurteile versiegen und die Neugierde wächst. So auch bei den Reutlinger Wirtschaftsjunioren, die zu ihrer zweiten Highlight Veranstaltung den grünen Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer, in der ortsansässigen IHK begrüßen konnten.

 

„Grün – das steht bei vielen Ökonomen für Nullwachstum“, sagte Palmer gleich zu Beginn und er scheint das ähnlich zu sehen. Viel zu viele Chancen, Ökonomie und Ökologie zu verbinden, blieben ungenutzt. Viel Geld und Energie würden gleichzeitig verschwendet. „Und das können wir uns weder ökologisch noch ökonomisch leisten. Es ist absolut notwendig, dass die zwei Disziplinen endlich zusammenwirken“, sagte der Grünenpolitiker. In vielen Beispielen rechnete er den Wirtschaftsjunioren und ihren zahlreichen Gästen vor, wie durch einfache Maßnahmen hohe Kosten eingespart werden können. Energiesparleuchten sind in der Anschaffung teuer, halten aber durchschnittlich acht Jahre. Nach Amortisation der Anschaffungskosten sparen sie dem Haushalt mit jeder Minute Geld ein. Auch können durch einfache Steckerleisten mit Schalter Energiefresser abgeschaltet werden, wenn nicht gearbeitet wird. In Tübingen hat er alle öffentlichen Gebäude unter die Energielupe genommen und musste feststellen, dass die meisten von ihnen wahre Energieschleudern sind. Jetzt wird nach und nach saniert. Das kostet, aber „das lohnt sich“, sagte Palmer, denn schon nach ungefähr sechs, sieben Jahren werden die investierten Gelder eingespielt. Seine Strategie: Einsparmöglichkeiten identifizieren, Investition und Amortisation prüfen, vorhandene Förderungen einsacken und loslegen. „Warten Sie nicht, bis die alte Glühbirne kaputt ist, denn jeder weitere Verbrauch der Birne ist einfach zu teuer“, sagte Palmer bei den Wirtschaftsjunioren. Die regionalen Autobauer fordert der Politiker auf, umweltfreundlichere Fahrzeuge zu entwickeln. „Klimaschonende Autos müssen auf den Markt, stattdessen werben Anbieter noch immer mit starken Motorenleistungen. Doch was bringen mir 500 PS? Ich bin Oberbürgermeister und nicht auf der Flucht“, sagte Palmer. Autos seien längst in der Lage, beispielsweise an roten Ampeln ihren Motor auszuschalten und erst beim grünen Signal wieder laufen zu lassen (Start-Stopp-Technik). Hier stecke noch unheimliches Potential.

 

Auch in der Region Neckaralb sieht der Grünenpolitiker noch einige Chancen: ungenutzte Wasserkraft, stärkere Zusammenarbeit der Kommunen, oder umweltfreundliche Wirtschaftsförderung. So haben sich nach den Ausführungen Palmers in Tübingen bereits einige Unternehmen gemeldet, die sich intensiver im Klimaschutz engagieren möchten. Das wünscht sich der Politiker auch für Reutlingen und stößt damit bei den Wirtschaftsjunioren auf offene Ohren. „Palmers Vortrag hat uns neue Chancen und spannende Wege für die Wirtschaftspolitik aufgezeigt. Wir wollen umsetzen, was wir können“, sagte der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren Reutlingen, Ralf Heim. Der Abend mit Boris Palmer war bereits die zweite Abendveranstaltung der Reutlinger Wirtschaftsjunioren, mit der sie eine Plattform zum Wissenstransfer schaffen möchten.